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Editorial-Archiv

Klimawandel und Forstwirtschaft

Prof. Dr. Ernst-Detlef Schulze,
Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Jena
(im Internet unter » www.bgc-jena.mpg.de)


Der Klimawandel ist Realität.

Es geht jetzt nicht mehr darum, ob sich das Klima ändert, sondern um wie viel es sich ändert, und wie viel die Menschheit tun muss, um dem entgegenzusteuern. Die Gewissheit, mit der wir heute von "Klimawandel" sprechen, hat sich in den letzten Jahren deutlich verstärkt. Der "Intergovernmental Panel on Climate Change", IPCC, drückte dies wie folgt aus:

1995: "Die Abwägung aller Tatsachen weist auf einen deutlichen erkennbaren menschlichen Einfluß auf das Klima hin"

2001: "Es gibt neue und starke Hinweise darauf, dass der größte Teil der seit 50 Jahren zu beobachtenden Klimaänderung durch den Menschen verursacht ist"

2007: "Der größte Anteil des Temperaturanstiegs seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist mit hoher Sicherheit verursacht durch den beobachten Anstieg an klimawirksamen Spurengasen"

Diese Sätze sind keine "Erfindungen" von Wissenschaftlern, sondern sie wurden von den Regierungen, die das Internationale Klimaabkommen unterzeichneten, überarbeitet, und in einer gemeinsamen Sitzung Wort für Wort beschlossen.

Neuere Erkenntnisse zeigen, dass es möglich erscheint, den Klimawandel bis 2100 auf 2° gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, sofern wir die Emissionen aus fossilen Brennstoffen bis 2050 halbieren. Da aber die bekannten Reserven an Kohle sehr groß sind und die Menge an bisher verbrauchten fossilen Brennstoffen etwa den Faktor 6 überschreitet, rechnet man damit, dass die Klimaerwärmung weitergeht, und voraussichtlich die nächsten 1000 Jahre anhalten wird. Auch bei starker Einschränkung im Verbrauch würden die Temperaturen in 1500 Jahren mindestens 3°C über den jetzigen Temperaturen liegen. Bei weiterhin ungebremsten Verbrauch der fossilen Brennstoffe wird die Erwärmung deutlich höher liegen. Man rechnet bei ungebremstem wirtschaftlichem Wachstum mit bis zu 7°C Erwärmung (Meinshausen et al., 2009).

Die Aussichten sind nicht "rosig", und die Forstwirtschaft ist davon besonders betroffen, denn sie investiert und pflegt langjährige heranwachsende Produkte. 1500 Jahre sind 3 Generationen von Eiche, es ist aber auch die Dauer der zivilisatorischen Entwicklung der Menschen in Deutschland seit den großen Rodungen im Mittelalter.

Was kann die Forstwirtschaft tun und was sollte sie tun:

Natürlich gibt es keine einfache und eindeutige Empfehlung. Zu kompliziert sind die Zusammenhänge, und oft widersprüchlich sind die Notwendigkeiten, die sich aus den Überlegungen zum Umweltschutz und aus wirtschaftlichen Zwängen ergeben.
  1. Der Wald ist im Augenblick das einzige Ökosystem, das Kohlenstoff aus der Atmosphäre langfristig bindet. Dies liegt an der Langlebigkeit der Bäume, und an der Festlegung im Holz. Aus Sicht des Umweltschutzes wäre die dringende Empfehlung, Wälder alt werden zu lassen und sich nicht nur auf wirtschaftlich gebotene Zieldurchmesser festzulegen. Alte Wälder haben die maximale Speicherkapazität. Es ist falsch zu glauben, dass alte Wälder in einen Zustand einer ausgeglichenen Bilanz von CO2-Assimilation (Photosynthese) und Atmung verharren. Alte Wälder absorbieren mehr CO2 als junge Wälder (Luyssaert et al., 2008)


  2. Wirtschaftlich ist das Risiko sehr hoch, einen Wald sehr alt werden zu lassen, und die Abkehr von einem Altersklassendenken hin zu Zieldurchmessern, die wirtschaftlich umsetzbar sind, führt zu verkürzten Umtriebszeiten der Bäume, d.h. der Wald wird in Zukunft nicht mehr alt. Dies hat fatale Folgen für den Umweltschutz, denn damit entfällt die letzte CO2-Senke in unserer Landschaft. Gleichermaßen fatal sind die Folgen für den Artenschutz. Die wirtschaftliche Entscheidung zu kürzeren Umtriebszeiten verstärkt auch den Klimawandel. Dies ist durchaus messbar. Deutschland war eine ausgeprägte Senke für CO2 vor 10 Jahren (Janssens et al., 2003). Im Jahr 2005 war die Bilanz fast ausgeglichen (Schulze, 2009). Im Grunde müsste die Gesellschaft dem Forst für die "Dienstleistung", Wälder alt werden zu lassen, bezahlen, um damit das Risiko nicht allein auf den Schultern des Waldbesitzers ruhen zu lassen


  3. Die Vielfalt der Baumarten im Bestand ist in Zeiten großer Unsicherheit die beste Versicherung gegen Schäden, sofern man nicht damit rechnet, dass der Staat Schäden subventioniert, wie im Falle von Kyrill. Die Baumartenvielfalt ist aber z. Zt. in hohem Maße gefährdet.
    Die Fichtenbestände, beispielsweise im Thüringer Wald, sind labil und werden das nächste Jahrhundert vermutlich nicht überstehen. Eine Umwandlung in Mischbestände ist im Gang, sie wird aber nicht mit "vollem Herzen" umgesetzt. Die wirtschaftlichen Einbußen, basierend auf der derzeitigen Ertragslage, sind zu hoch. Der Klimawandel wird die Eigentümer aber zwingen, umzudenken, und auch Baumarten zu pflegen und in das wirtschaftliche Konzept mit einzubinden, an die man bisher nicht dachte, z.B. die Vogelbeere.
    Die reine Buchenwirtschaft ist ebenfalls labil, und den Besitzern von Laubwald wird dringend geraten, umzudenken, und einen artenreichen Mischwald anzulegen, aus dem je nach Bedarf eine Baumart mit dunklem und hellem Holz geerntet werden kann.
    Die Vielfalt im Laub- und Nadelwald steht im Augenblick zur Disposition. Die Bedrohung geht aber nicht von einer fehlenden Einsicht der Eigentümer aus, sondern durch die beherrschende Stellung der Jagd. Wie in vielen Regionen Deutschlands, so sind auch in Thüringen die Wildbestände flächendeckend zu hoch und gefährden den Wald der Zukunft, zumal politisch das Ziel "Wald vor Wild" immer stärker in Richtung "Wald und Wild" verschoben wurde. Es war der Herzog Karl Theodor von Bayern (1724-1799), der verfügte "in allen Differenzen hat das Jagdwesen dem Forstwesen nachzustehen". Bewegen wir uns jetzt wieder zurück in eine Zeit vor 1724, in der das Gedeihen des Waldes der Wildfrage nachgestellt wurde? Im Augenblick bestimmt der Jagdpächter und nicht der Waldbesitzer über die Zusammensetzung des aufwachsenden Waldes auf etwa 40% der Fläche - und dies zum Nachteil des Waldes. Insbesondere im Landeswald, aber auch in vielen Kommunalwäldern sind die Wildschäden zu hoch und nicht alle Forstbeamten, Waldbewirtschafter und Revierförster wollen diese erkennen, obgleich die alte Bauernregel sehr einfach ist: "Steht die Buche über dem Ahorn sind die Wildbestände zu hoch; steht der Ahorn über der Buche, sind die Wildbestände angemessen".
    Ohne ein Umdenken bei der Jagd oder eine staatlich überprüfte Regulierung der Wildbestände läuft die Forstwirtschaft mit vollem Wissen aber ohne Übernahme der Verantwortung in ein Klimadesaster. Es darf in Zukunft keine Bewegungsjagden mehr geben, bei denen zufällig nur Hirsche geschossen werden, oder Muffel nicht freigegeben werden, weil die Bestände "aufgebaut" werden sollen.


  4. Neben dem Schutz alter Wälder hat aber auch eine nachhaltige Nutzung von Holz einen hohen Stellenwert gerade durch seine Substitutionswirkungen im Vergleich zu energieintensiv hergestellten Materialien, wie Stahl und Beton. Dieser positiven Rolle kann Holz jedoch nur gerecht werden, wenn es gelingt, den Anteil für langlebige Holzprodukte, in erster Linie für Bauholz, deutlich zu erhöhen und eine möglichst vielstufige Kaskadennutzung - ausgehend von hochwertigen Massivholzprodukten, gefolgt von Einsatzbereichen für Massivholz mit geringeren Qualitätsansprüchen, anschließender Verwendung im Holzwerkstoffsektor und der Papierindustrie bis hin zur abschließenden energetischen Verwendung - zu gewährleisten.


Das Problem des Klimawandels ist zu ernst, um dies mit Jagdpolitik zu vermischen. Die Forstwirtschaft hat die Aufgabe und Verantwortung den Wald über Jahrzehnte und Jahrhunderte zu erhalten. Eigentümer sind daran interessiert, einen Wald den eigenen Kindern in einem Zustand zu übergeben, der zukunftsträchtig ist. Wald ist eine Investition in die Zukunft. Wir sollten daher alles daransetzen, einen Wald zu begründen, der auch einem Klimawandel von 2°C und mehr standhält. Die Baumartenausstattung, die wir haben, ist dazu geeignet, aber wir nutzen sie nicht aus andersartigen Interessen.

zugesandt am 27. Mai 2009, eingestellt am 10. Juni 2009


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Prof. Dr. Ernst-Detlef Schulze - Zur Person

Bild von Prof. Dr. Ernst-Detlef Schulze

Daten und Foto wurden zusammen mit dem Editorial zur Verfügung gestellt
Geboren am:
12. September 1941 in Berlin
Studium:
Forstwirtschaft, Universität Göttingen
Dissertation & Habilitation:
Universität Würzburg
Berufliche Tätigkeiten:
Mitarbeiter in Botanik (Los Angeles)

Wissenschaftlicher Rat und Professor in Würzburg und an der TU München

1975 Lehrstuhl für Pflanzenökologie an der Universität Bayreuth

1997 Direktor des Max-Planck Institutes für Biogeochemie, Jena

Koordinator des Integrierten Projektes CarboEurope, ein Forschungsprojekt der EU zur Quantifizierung der Europäischen Kohlenstoffbilanz
Forschungsgebiete:
Pflanzenökologie, Ökosysteme und Biodiversität

Besondere Auszeichnungen:
Bayerische Staatsmedaille in Silber für die Aufklärung der Bedeutung saurer Niederschläge für die Neuartigen Waldschäden

Vernadsky Medaille der EGU 2004 für die Forschung in Ökophysiologie

Deutscher Umweltpreis 2006

Bundesverdienstkreuz (I. Klasse) 2008

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