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Editorial-Archiv

Klimawandel und Wald

Prof. Dr. Hartmut Graßl,
Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg

Wälder sind zentrale Klimafaktoren. Sie hängen selbst sehr stark vom Klima ab, sie machen es aber auch. Da ein Baum Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende alt werden kann, ist er bei raschem Klimawandel oft ein besonders Betroffener, weil seine Lebensbedingungen nicht mehr erfüllt sind. Er wird krank und stirbt. So sind die Wälder in der vergangenen Million Jahre etwa alle 100.000 Jahre im west- und mitteleuropäischen Sektor zur Wanderung von der Riviera zum Nordkap und wieder zurück gezwungen worden. Bleibendes Zeichen des Aussterbens bei dieser vom Klimawandel erzwungenen raschen Wanderschaft ist die Armut an Baumarten in unserem Gebiet. Denn nach dem Zusammenbruch des großen Eisschildes mit Zentrum über Skandinavien - es reichte gelegentlich weit in die norddeutsche Tiefebene -war in ca. 10.000 Jahren bereits das Maximum der Erwärmung erreicht, das Interglazial hatte seinen Höhepunkt erreicht. Die mittlere globale Temperatur in Oberflächennähe pendelte dabei um nur 4 bis 5°C.

Deswegen ist die von Klimaforschungszentren vorhergesagte mittlere globale Erwärmung um ca. 3°C im 21. Jahrhundert bei einer Weltbevölkerung, die keinen wesentlichen Klimaschutz betreibt und damit fossile Brennstoffe weiter als Hauptsäule ihrer Energieversorgung einsetzt, eine fast um den Faktor 100 erhöhte Klimaänderungsrate. Wenn nicht rasch global abgestimmter Klimaschutz betrieben wird, bedeutet das in vielen Regionen an das Klima völlig unangepasste Wälder, die sehr wahrscheinlich im Stadium des Zusammenbruchs zu Kohlendioxidquellen werden und den Klimawandel noch beschleunigen.

In diesem Zusammenhang wird der Wald als Senke für anthropogenes Kohlendioxid, wie zurzeit noch im globalen Maßstab beobachtet, zum unsicheren Kandidaten. Denn alle Pflanzen bekommen gegenwärtig bereits eine starke "Kohlendioxiddusche" bei schon 380 Millionstel Volumenanteilen Kohlendioxid in der Atmosphäre (es waren 280 vor der Industrialisierung), aber noch moderaten Temperatur- und Niederschlagsänderungen wegen der Verzögerung der Erwärmung durch den Ozean und die Eisgebiete. Was regt bei ausreichend Wasser und Nährstoffen die Biomassebildungsrate an? In einigen Jahrzehnten, wenn die Klimaänderungsrate auch bei globaler Klimaschutzpolitik den Effekt der Kohlendioxiddusche übertrifft, werden sehr viele Ökosysteme in einem starken Transformationsprozess sein. Deshalb ist es illusorisch, an die Aufforstung als wichtigem Mittel zur längerfristigen Speicherung eines wesentlichen Teiles anthropogenen Kohlenstoffs und damit eine Reduktion der anthropogenen Klimaänderung zu glauben. Die massive globale Emissionsminderung durch höhere Energieeffizienz und weniger oder keinem Kohlenstoff in Energieträgern in den kommenden wenigen Jahrzehnten sind der zentrale Teil einer Lösung. Dabei wird auch die Nutzung des Waldes und anderer Pflanzen eine gewisse Rolle spielen. Damit möchte ich den Befürwortern einer Aufforstung oder Wiederaufforstung keineswegs den Mut dazu nehmen. Es gibt so viele positive Funktionen des Waldes, auch die der erhöhten Kohlenstoffspeicherung, dass mehr Wald immer gut für uns alle ist!

Die zentralen Mittel der Klimaschutzpolitik - und dies ist eine Wiederholung - sind rationellerer Umgang mit Energie und erneuerbare Energieträger einschließlich Biomasse. Wer jedoch biologische Vielfalt erhalten will, und hierzu verpflichtet uns eine UN-Konvention, der muss langfristig auf die Sonne setzen. Denn deren Angebot übertrifft die Speicherung von Energie in der Biomasse in Deutschland etwa um den Faktor 100.

zugesandt am 15. September 2006


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