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Editorial-Archiv

Der Wald und das Klima

Prof. Dr. em. Peter Burschel
TU München

Kompliment vorweg den Initiatoren des Internetportals "Wald und Klima"!
Höchste Zeit ist es, die atemberaubende Klima-Problematik aus dem Blickwinkel der Forst- und der Holzwirtschaft zu betrachten. Denn die stecken beide mitten im Geschehen, und zwar nicht nur am Rande, sondern tief drin, als Opfer wie als Remedium. Klimawandel und gesteigerter Treibhauseffekt sind die zugehörigen Begriffe - beide längst zu Schlagwörtern geworden.
Es gibt nur noch wenig Zweifel daran, dass der Mensch selbst das Phänomen hervorruft: 1. Durch Nutzung fossiler Energieträger, nämlich Kohle, Öl und Gas, und 2. durch eine gigantische, seit langer Zeit ablaufende und anhaltende Zerstörung von Biomasse, vor allem Wald. In beiden Fällen wird C02 massiv freigesetzt. Das Ergebnis ist eine Verdichtung der atmosphärischen Konzentration dieses Gases von 280 (Beginn Industrialisierung) auf 380 ppm heute. Die anthropogene Veränderung des Klimas - mehr Treibhausgas mehr Wärme - ist in vollem Gange und die Biosphäre global davon betroffen.
Natürlich gibt es dazu Klima-Projektionen. Man weiß so halbwegs, wie es mit den Temperaturen gehen wird, und auch, ob es zu wesentlichen Änderungen der Klimatypen unseres Raumes kommt. Danach wird es nicht nur wärmer, sondern auch - eigentlich das Unangenehmste, was passieren kann mediterraner. Mit der Erwärmung einher geht in unserem Raum wahrscheinlich eine Verlagerung des Niederschlagsmaximums in das Winterhalbjahr. Die Folge ist, dass viele Baumarten Probleme haben werden, bis hin zu mortalen. Und wir haben keine rechte Vorstellung davon, woher Ersatz für ausfallende Arten kommen könnte. Es ist deshalb von höchster Dringlichkeit, die Verbreitungsgebiete geeignet erscheinender Arten auf ihre klimastandortskundlichen Bedürfnisse hin zu untersuchen. Dabei ist es ganz wichtig, dass derlei auf der Basis realer Standorte geschieht, wobei Boden-, Wachstums und Klimadaten vor Ort erhoben werden. Zum Glück haben viele Arten so große Verbreitungsgebiete, dass die systematische Suche nach überlebenskräftigen Baumarten und Herkünften durchaus aussichtsreich ist. Sicherlich wird der Landschaftscharakter sich durch solche Manipulationen fundamental ändern. Eine mediterran geprägte Landschaft hat nun einmal andere Charakteristika als eine der kühl gemäßigten Zonen.
Ein weiterer Aspekt, der in diesem Klimakomplex schnell und schmerzhaft auftauchen wird, ist die Notwendigkeit zur Änderung der Waldwirtschaft. Schnelle Klimaänderung kann es nötig machen, die "Umtriebszeiten" wesentlich zu kürzen. Es ist einfach nicht sinnvoll, mit Bewirtschaftungszeiträumen von über 100 Jahre zu arbeiten, wenn die Klimaansprüche der betroffenen Bäume schon nach 50 Jahren nicht mehr eingehalten werden. Hier gibt es Fragen von außerordentlicher Brisanz. Ihre Beantwortung ist so wichtig wie dringlich.
Und dann eine letzte, geradezu aufregende Seite des Wald - Treibhaus - Phänomens. Gemeinhin wird der Wald dabei als ein respektabler Speicher von Kohlendioxid aufgefasst, der sich durch Zuwachs aber auch Aufforstung vergrößert. Je mehr C im Speicher Wald (Waldboden eingeschlossen!) gebunden, desto weniger als effektives Treibhausgas C02 in der Atmosphäre. Das ist jedoch, meist unbemerkt, nur die Hälfte der Geschichte: Holz, jedenfalls das oberirdische, wird nun einmal im Wirtschaftswald für zahlreiche Zwecke produziert und dazu geordnet (das heißt nachhaltig) aus dem Wald genommen. Holz ist ökonomisch und global gesehen einer der Großrohstoffe der Erde, und, C02-ökologisch betrachtet, verantwortlich für das Kohlenstoff-Geschehen in einer Größenordnung von Milliarden Tonnen per annum. In Kurzfassung zeigt eine Abbildung, worum es im Wirtschaftswald geht:

Technisch-industrielle und biologische Prozesse im Komplex Wald und Klima

Technisch-industrielle und biologische Prozesse
im Wirkungsgefüge Wald - Klima

(zum Vergrößern die Abbildung bitte anklicken)

(Quelle: Burschel, P. (2005): Wirtschafts-Wald im Klimageschehen. Schweiz. Zeitschrift f. d. Forstwesen; Heft 12, S. 522.)

Wahl der Baumarten (es wurde schon angedeutet): Hier sind - je nach tatsächlicher Entwicklung des Klimas - Änderungen zu erwarten. Man schaue sich die Fichte an, die, in warmen Jahren, durch Borkenkäfer schon immer gefährdet war. Außerdem ist sie weder sturm- noch feuerfest. Für ihren Ersatz wäre durchaus die Tanne denkbar. Sie wächst gut und ihre natürliche Verbreitung ragt deutlich in den mediterranen Raum hinein. Natürlich muss man genauso an echte Exoten denken, wie die Douglasie. Auch sie ist mediterran geprägt und wächst hervorragend (der höchste Baum Deutschlands mit 62m: eine Douglasie!).
Es müssen Waldbau-Konzepte entwickelt werden, die es ermöglichen, im Falle ernsthaften Auftretens von klimatischen Beeinträchtigungen, Vorräte vorzeitig zu ernten, auch wenn das noch nicht geplant war. Besonders bindungseffektiv sind Aufforstungen und Wiederaufforstungen großer Waldflächen mit aussichtsreichen Baumarten oder Herkünften solcher Baumarten.

Und dann Kernförderungen:
Schaffung nachhaltig optimaler Bestockungsdichten (Waldspeicher). Sie sind Voraussetzung für einen maximalen Fluss technisch und energetisch nutzbaren Holzes aus dem Wald als Rohstoff in die technisch-zivilisatorische Ebene.
Massive Ausweitung und Maximierung des Holzgebrauchs, vom Schnittholz über die Werkstoffe Sperrholz, Spanplatte und Papier bis zur thermischen Nutzung des genuinen Brennholzes, technischer Abfälle und allen Altholzes am Ende von dessen Nutzungsdauer. Herleitung der nötigen Ökobilanzen.
Konzentration von Forst- und Holzwirtschaft zu einer Einheit, in der die gesamte Breite der Holznutzung wirksam wird, und zwar ökonomisch wie ökologisch.
Quantifizierung dieser kohlenstoffökologischen Zusammenhänge und darauf aufbauend die Nutzung, die der zukünftige Handel mit Emissions(vermeidungs)zertifikaten bieten wird.
Alle die hier geschilderten Bereiche erfordern sowohl erhebliche Entwicklungsarbeit, als auch politische Aktivität von Seiten einer eng kooperierenden Forst- und Holzwirtschaft.

überreicht am 05. November 2006


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